Minoritäten bevorzugt

Ideologiekritik / Worte zur Woche

Vor zwei Wochen hatte ich eine Ausschreibung von der Literaturzeitschrift „Politisch Schreiben“ in meinem E-Mail-Posteingang. Die originale Ausschreibung kann hier gelesen werden. Bei der Zeitschrift handelt es sich um ein ambitioniertes Projekt ehemaliger Kommilitonen. Kernaussage der Ausschreibung ist, dass Einsendungen einiger „Menschengruppen“ in dieser Zeitschrift bevorzugt publiziert werden sollen. Genannte Beispiele sind unter Anderem:

People of Colour
Menschen mit Migrationshintergrund
Menschen mit Psychiatrieerfahrung
Menschen die im Knast sitzen/saßen und die politische Grundhaltung der Redaktion teilen
frauen* lesben* trans* & inter* – Personen und Schwule; bisexuelle, pansexuelle, asexuelle Menschen

Beim Lesen dieser Aufzählung wurde mir schlecht. Selbstverständlich existieren in Deutschland diskriminierende Strukturen, die sich verändern müssen. Diese Veränderung geschieht jedoch nicht dadurch, dass man einzelne Menschengruppen ausmacht und mit möglichst eindeutigen Kategorien bezeichnet, denen man doch eigentlich gerne entkommen würde.

Wenn diese Kategorien zu Selektionskriterien für eine Texpublikation werden bekommen sie Raum in einer Zeitschrift, die sich vorgenommen hatte kritische Betrachtungen zu Gesellschaft und Literaturbetrieb zu liefern. Zu Ende gedacht bedeutet eine solche Aufzählung, die Affirmation von Kategorien, die nichts über die Komplexität von Identitäten  aussagen.

Mir stellten sich, nach dem Lesen der Ausschreibung, zudem einige praktische Fragen: Wie soll die Zugehörigkeit zu einer der aufgezählten Gruppen nachgewiesen werden? Will die Redaktion als Nachweis meines Migrationshintergrundes meine Geburtsurkunde oder einen Familienstammbaum sehen? Wer entscheidet über die „Echtheit“ meiner sexuellen Orientierung oder politischen Einstellung? Und was hat all das mit der Fähigkeit zu tun, hochwertige literarische Texte anzufertigen?

Um Kategorisierungen wie diese zu unterwandern könnte man sie als das beschreiben, was sie sind: Fließend und veränderlich (Sexualität), vage und nicht vollständig erschließbar (Herkunft), subjektiv und uneindeutig (Hautfarbe).

Ich wünsche mir, dass sich (in der Literatur) das Individuum behauptet, nicht ein, wie auch immer geartetes, Kollektiv.